Integrierte zentrale Leitstelle des Lahn-Dill-Kreises
Der Lahn-Dill-Kreis
1060 km²
260 000 Einwohner
Adresse:
Franz-Schubert-Straße 4
35578 Wetzlar
Aufgabenbereich
Koordination, Kooperation und Kommunikation für Rettungsdienst, Ärztlichen Bereitschaftsdienst, Feuerwehr, Katastrophenschutz, Katastropheneinsatz etc.
- Feuer / Unfall / Notfall: 112
- Ärztlicher Bereitschaftsdienst /A.N.R.: 06441 19292
- Rettungsdienst/Krankentransport: 06441 19222
- Notruffax für Sprach- und Gehörgeschädigte: 112
Personelle Besetzung der Leitstelle
- zwei bis drei ausgebildete und geschulte Disponenten 24 Stunden tägl.
- ein beruflich erfahrener und für den Dienst an der Leitstelle besonders geschulter Arzt für den Bereich ärztlicher Bereitschaftsdienst /A.N.R. zur Unzeit (wochentags 19 Uhr – 7 Uhr; mittwochs ab 14 Uhr; freitags 19 Uhr bis montags 7 Uhr durchgehend)
Entwicklung A.N.R. (Arzt-Notruf in der Region)
Gründung des Vereins „Arzt- Notruf in der Region“ 1996
- Einstimmige Absichtserklärungen der ärztlichen Kreisstelle der KVH sowie des Kreistags des Lahn-Dill-Kreises, künftig den Not(fall)dienst gemeinsam mit der Leitstelle (ZLS) durchzuführen.
- Verhandlungen mit KVH und Krankenkassen
-
1999 Vertragsabschluss (Modellhafter Vertrag zwischen KVH und Kassen nach § 63a SGB V) nach Vermittlung durch Hessisches Sozialministerium.
Kostenübernahme durch Krankenkassen, paritätische Finanzierung der Evaluation.
Gegenfinanzierung durch Einsparungen bei Arzneimittelverordnungen sowie durch Einsparungen bei Rettungsdiensteinsätzen und Krankenhauseinweisungen. - Seit 4. Quartal 1999 (fast 10 Jahre) ärztliche Besetzung der ZLS.
Beschreibung der integrierten Leitstelle Lahn Dill
- Über Notruf 112 , Rettungsdienst (06441) 19222 oder ANR (06441) 19292 können die Bürger des Lahn-Dill-Kreises das Team der Leitstelle 24 Stunden täglich erreichen
- Telefonanrufe gehen im selben Raum der Leitstelle ein und werden dem entsprechenden Versorgungssektor zugeführt
- Arzt und Disponenten sind an allen Arbeitsplätzen mit dem Server der EDV-Anlage verbunden und haben im Großraumbüro persönlichen Kontakt
- Gleiche Strukturen und Handlungsweisen führen zu hoher Verlässlichkeit und damit zu hohem Versorgungsniveau
- Sämtliche Telefonnummern der Haus- und Fachärzte, der Kliniken und anderen medizinischen Versorgungszentren, sowie die Dienstpläne der Niedergelassenen Ärzte sind verfügbar und auf dem neuesten Stand
- Der hilfesuchende Patient hat zu den Unzeiten eine ständige, allumfassende und fachlich qualifizierte Beratung durch den Leitstellenarzt
- Kritische Situationen werden unmittelbar herausgefiltert
-
Auf medizinische Notfälle kann schnellstens reagiert werden
Vorteile des A.N.R. in der zentralen Leitstelle
-
Ca. ein Drittel der medizinischen Anfragen während des ärztlichen Bereitschaftsdienstes werden durch telefonische Beratung des Arztes abschließend bearbeitet
-
Selbsteinweisungen von Patienten in die Klinik kommen in der Regel nicht mehr vor
-
Hausbesuche und Konsultationen der Notdienstpraxen konnten erheblich reduziert werden
-
Rückgang der RTW- und NEF-Einsätze und damit Rückgang der Einweisungen ins Krankenhaus
-
Verkürzung der Hilfsfristen im Lahn-Dill-Kreis, da die Rettungsfahrzeuge häufiger zur Verfügung stehen. Die Vorhaltung zweier weiterer Fahrzeuge entfällt
-
Die Anzahl der NFD-Gemeinschaften konnte verringert werden. Weitere Reduktionen sind in der Fläche des Lahn-Dill-Kreises in Planung
-
Allein im Jahr 2007 konnten mehr als 2000 unnötige Einsätze des Rettungsdienstes, die über die Notrufnummer „112“ angefordert wurden, verhindert werden. In solchen Fällen ist der Disponent nämlich aus rechtlichen Gründen verpflichtet, zumindest ein Rettungsfahrzeug zu entsenden. Erst die Zusammenarbeit mit einem verantwortenden Arzt macht andere Entscheidungen möglich.
-
Seit etlichen Jahren organisiert der Lahn-Dill-Kreis die notärztliche Besetzung der Notarztsysteme.
-
Rund 100 qualifizierte Notärztinnen / -ärzte aus den Kliniken und dem niedergelassenen Bereich stehen im Lahn-Dill-Kreis zur Verfügung . Die Kooperation und Kommunikation des A.N.R. mit den Notärzten hat zur Folge, dass z.B. bei einem Massenanfall von Verletzten, im Katastrophen- oder Großschadensfall in kurzer Zeit genügend Ärzte mobilisiert werden können.
-
Die Einsatzleitung des Führungs- und Katastrophenschutzstabes des Landkreises ist im Leistellengebäude untergebracht, somit unmittelbar räumlich wie auch EDV-technisch mit dem diensthabenden Leitstellenarzt verknüpft.
- Ehrenamtliche Kräfte der IUK Zentrale sind ebenfalls integriert und können im Krisen- oder Verstärkungsfall mit angefordert werden
Durch die Gründung des A.N.R. und seine Integration in die Leitstelle sind über 240 niedergelassene Ärztinnen / Ärzte in 130 Arztpraxen und fünf lokale Kliniken kommunikativ vernetzt.
Die gegenseitige Akzeptanz und Anerkennung ist um ein Vielfaches gestiegen. Es wird auf allen Ebenen ohne Vorbehalte und Eigennutz miteinander gesprochen, Projekte werden angestoßen und Problemlösungen angestrebt.
Sektorenübergreifende Qualitätszirkelsitzungen finden regelmäßig statt.
Koordinierung der Palliativversorgung und Obdachlosenbetreuung in Zusammenarbeit mit der Caritas kann wesentlich einfacher erfolgen.
Wirtschaftlicher Aspekt
Im Vergleich zu anderen Regionen konnten allein im Lahn-Dill-Kreis jährlich mehr als 2.000.000,- Euro netto zu Gunsten der Krankenkassen eingespart werden.
Zahlen
Gesamtkosten des Projekts ca. 650.000 Euro
Aqua Institut, Berichtszeitraum 2004q1 bis 2007q1:
Erfolgsbeurteilung im Bereich Pharmakotherapie
Die Ersparnisberechnungen zeigen, dass auch für den gesamten Beobachtungszeitraum die jährlich angestrebte Summe von 350.000 € Einsparungen erneut weit übertroffen wird: Die durch das Projekt ANR erreichte Gesamtersparnis für die Quartale 2005q1 bis 2007q1 beträgt 3.320.270 € zugunsten der Krankenkassen.
Erfolgsbeurteilung im Bereich Rettungsdienst
Auf die Einrichtung bzw. Anschaffung weiterer Rettungswachen und Mehrzweckfahrzeuge konnte im Lahn-Dill-Kreis durch das Projekt ANR verzichtet werden.
Die gesetzlichen Vorgaben zur Hilfsfristerreichung werden im Lahn-Dill-Kreis zu 100% erfüllt.
Eigene Beurteilung:
a. Einsparungen im Pharmakotherapiebereich:
Es wurde (evaluiert) nachgewiesen, dass im Lahn-Dill-Kreis von 2000 bis einschließlich 2007 über 13 Mio Euro zu Gunsten der Krankenkassen eingespart wurden. (Berechnungsgrundlage: Einsparungen 2005q1 bis 2007q1)
Einsparsumme pro Jahr: über 1,6 Mio Euro
· Die Kassen werden künftig die Pharmakotherapieeinsparungen nicht mehr in der Erfolgsbeurteilung von ANR berücksichtigen. Diesbezüglich wurde im Projektbeirat Konsens erzielt.
b. Einsparungen im Rettungsdienst:
· Die nachstehenden Angaben basieren auf Berichten des Kreisbrandinspektors Rupert Heege, Lahn-Dill-Kreis.
Im Jahr 2007 konnten ca. 2300 über die Notrufnummer 112 eingehende Anrufe in Einsätze für den Ärztlichen Bereitschaftsdienst, sog. „ANR-Einsätze“ umgewandelt werden. Dies ersparte ca. 2300 Einsätze des Rettungsdienstes (RTW oder NEF). Das Ergebnis des Jahres 2007 kann auf die Jahre 2000 bis 2008 hochgerechnet werden.
Ohne diese „Umwandlung“ hätten – zur Wahrung der Hilfsfrist-Vorgaben – bereits im Jahre 2000 zwei weitere Rettungsfahrzeuge angeschafft und vorgehalten werden müssen. Die jährlichen Vorhaltekosten für zwei Fahrzeuge betragen zur Zeit ca. 850.000 Euro.
· Rückfahrten vom Krankenhaus nach Hause sind dabei nicht berücksichtigt.
c. Einsparungen im stationären Bereich:
Rettungsdiensteinsätze führten vor Einführung der ärztlichen Besetzung der ZLS – wegen fehlender Kommunikationsstrukturen zwischen Rettungsdienst und Bereitschaftsdienst – grundsätzlich zu Transporten der Patienten ins Krankenhaus. Dort mussten die Patienten aus den gleichen (aber auch anderen) Gründen zumindest kurzfristig stationär aufgenommen werden.
· Wegen fehlender Daten der Krankenkassen kann die Einsparsumme auf diesem Gebiet nur geschätzt werden. Bei der Berechnung werden nur die entstehenden Minimalkosten angenommen.
Unter Zugrundelegung der Mindestkosten für „Krankenhausnotfälle“ (150 Euro pro Fall) belaufen sich die Einsparungen im stationären Bereich auf mindestens (150 Euro x 2300 Fälle) 345.000 Euro.
1a. Summe Kosten / Einsparungen mit Pharmakotherapie (in Mio. Euro):
| Einsparungen Pharmakotherapie | ~ | ca. | 1,66 |
| Einsparungen Rettungsdienst | ~ | ca. | 0,85 |
| Einsparungen stationär | ~ | ca. | 0,35 |
| __________________________ | |||
| Gesamt-Einsparung | 2,86 Mio Euro | ||
| Projekt-Kosten | ~ | 0,65 Mio Euro | |
| __________________________ | |||
| Netto-Einsparung | ~ | 2,21 Mio Euro | |
1b. Summe Kosten / Einsparungen ohne Pharmakotherapie (in Mio Euro):
| Einsparungen Rettungsdienst | ~ | ca. | 0,85 |
| Einsparungen stationär | ~ | ca. | 0,35 |
| __________________________ | |||
| Gesamt-Einsparung | ~ | ca. | 1,20 |
| Projekt-Kosten | ~ | 0,65 Mio Euro | |
| __________________________ | |||
| Netto-Einsparung | ~ | 550.000 Euro | |
1. Es ist zu berücksichtigen, dass die Einsparungen im stationären Bereich auf
niedrigstem Niveau geschätzt sind.
2. Die Anschaffungskosten für eingesparte RTW sind dabei noch nicht einmal
berücksichtigt.
1. Anmerkung
Qualitätsverbesserung der Patientenversorgung
- wesentliche Qualitätsverbesserung der Notfallversorgung für die Patienten
- eine einheitliche und für alle gültige Rufnummer
- alle Notrufnummern kommen in einem Großraumbüro auf der Leitstelle an und werden dort in Kooperation mit einem niedergelassenen Arzt / Ärztin bearbeitet
- eine Steigerung des Zufriedenheitsgrades der betroffenen Bürger – messbar an der sehr geringen Zahl der Beschwerden im Vergleich zu anderen Regionen
- Steigerung des Zufriedenheitsgrades aller „Helfer“ im Notdienst
2. Anmerkung
Qualitätsverbesserung des Systems
- Die Funktionalität des Systems setzt eine Kooperation der beteiligten Sektoren auf „gleicher Augenhöhe“ voraus.
- Das System lässt sich problemlos auf alle ländlich strukturierten Regionen in Deutschland übertragen. Voraussetzung: Vorhandensein einer ZLS.
- Das Einsparpotential – hier lediglich für den Notdienstbereich im Lahn-Dill-Kreis berechnet – ist enorm.
3. Anmerkung
Einbindung weiterer Versorgungsbereiche durch A.N.R. und Leitstelle
- Die Umsetzung der Palliativversorgung nach den §§ 37b und 132c SGB V würde sich mit Hilfe dieser Organisationsform wesentlich leichter und kostengünstiger gestalten.
- Die Umsetzung der Pandemieplanung ist mit Hilfe dieser Organisationsform im wesentlichen sichergestellt, da der zuverlässige Zugang zur niedergelassenen Ärzteschaft jederzeit garantiert ist.
- Die Katastrophenschutzplanung wäre gemäß 2. ebenfalls schneller und besser zu organisieren. Übungen ließen sich leicht gestalten.
- Die Entwicklung von Projekten – Positivliste, Leitlinien, Zusammenarbeit mit Apotheken, Krankenhäusern, Krankenkassen etc. – sind leichter zu organisieren.
4. Anmerkung
- Das geschilderte Kooperations-System ist etwas grundsätzlich Neues, dessen Durchführung nicht zum Versorgungsauftrag einer Körperschaft zählt.
- Die Kooperation wird durch einen Vertrag zwischen Kassenärztlicher Vereinigung Hessen und den Gesetzlichen Krankenkassen ermöglicht.
- Die Krankenkassen übernehmen die Kosten – haben allerdings auch den Nutzen der Einsparungen und der Qualitätsverbesserung für ihre Versicherten.
- Der bestehende Vertrag musste bisher jährlich verlängert werden.
- Trotz Evaluation und jährlichen Nachweisen wurden bisher seitens der Kassen die weitreichenden Vorteile dieser Organisationsform (Qualitätssteigerung bei gleichzeitiger Kosteneinsparung) nicht erkannt, geschweige denn gewürdigt und / oder gar propagiert.
- Die KVH sieht mittlerweile die Vorteile und unterstützt den „Medizinischen Notrufmittelpunkt“ im Lahn-Dill-Kreis massiv.
- Die Politik hat zwar die Vorteile dieses Systems erkannt, „überlässt“ aber Vertragsabschlüsse weitgehend der gemeinsamen Selbstverwaltung.
Ausblick
- Die im Lahn-Dill-Kreis seit Jahren geübte und erprobte kooperative Zusammenarbeit von Vertragsärzten mit den Zentralen Leitstellen ist eine ideale Umsetzung des „letter of intent“ über die Einführung eines Schnittstellenmanagements zwischen Rettungsdienst und Notfallvertretungsdienst in Hessen.
- Schnittstellen ohne Einbeziehung ärztlichen Sachverstandes und ärztlicher Verantwortung führen zwangsläufig zu einer Verteuerung des Systems.
- Schnittstellen ohne Einbeziehung ärztlichen Sachverstandes und ärztlicher Verantwortung führen in der Regel zu Qualitätsverlusten bei der Versorgung Kranker und Hilfesuchender.
- Zumindest die durch eine Idee des ANR-Vereins geschaffene Kooperationsform „Medizinischer Notrufmittelpunkt“ in der ZLS des Lahn-Dill-Kreises sollte über mehrere Jahre vertraglich gesichert fortgeführt werden.
- Das System unter 4. sollte weiterhin von den Krankenkassen finanziert werden. Es muss – und kann (siehe Einsparungen) – finanziell besser ausgestattet werden, damit Honorare aktualisiert und weitere regionale Strukturmaßnahmen in Angriff genommen werden können.
- Das System könnte als gemeinsames Projekt von KVH, Krankenkassen und Kommunen propagiert und für andere Regionen empfohlen werden.
Mitgliederbereich
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