Stellungnahme zum Leserbrief
Am 2.12.2009 hat die Gießener Allgemeine einen Leserbrief von Dr. med. Uwe Speier aus Lollar veröffentllicht, zu dem Dr. Gert Schmidt aus Hüttenberg hier Stellung nimmt.
Stellungnahme zum Leserbrief
vom Kollegen Dr. Uwe Speier aus Lollar
für die Vertreterversammlung der KV am 12.12.2009
Als Initiator des Projektes ANR erlaube ich mir folgende Stellungnahme abzugeben. Mein Ziel ist es dabei zu informieren und damit auch zu entemotionalisieren.
Begriffe wie „Wut, Rückfall in die Steinzeit der Notfallversorgung, fürstliche Entlohnung einerseits und dürftiges Notfallhonorar“ andererseits bauen Spannungen auf, die uns Ärzten nicht dienlich sind. Das Projekt ANR wurde angestoßen vor ca. 15 Jahren. Zu dieser Zeit hatte ich auch noch kollegialen Notdienst zu leisten und war z.T. jede 4. Nacht dienstbereit. Und trotzdem fragten mich die Patienten: Wo kann ich eigentlich einen Arzt erreichen. Die Frage verwirrte mich damals sehr und wir begannen aus Sicht der Patienten auf die Notfallversorgung zu sehen. Es zeigte sich tatsächlich schnell, dass der Patient z.T. ein echtes Problem hatte, einen Arzt zu erreichen. Der Begriff Anrufbeantworterodyssee stammt aus dieser Zeit. Mailboxes und Funklöcher waren weitere Hindernisse auf die der Patient oder sein besorgter Angehöriger traf.
Daher entstand die Idee der einheitlichen Rufnummer und die damals provokante Idee, einen erfahrenen Hausarzt/ärztin direkt in der zentralen Leitstelle des Landkreises mit der bundesweit bereits damals reservierten, jedoch nur selten genutzten einheitlichen Nummer 19292 in einem Raum direkt neben die hochkompetenten Disponenten, die die Nummer 112 (Feuerwehr-Rettungsdienst) und 19222 (Krankentransport) bedienen, zu setzen. Gleichzeitig begannen wir die Notdienstversorgung betriebswirtschaftlich zu analysieren und boten damals unseren Dienst als erfahrene Hausärzte oder Internisten aus der Region für einen Stundenlohn von 200,- DM an. 100,- DM gingen damals für die Leitstelle und den Aufbau einer Infrastruktur für verbesserte Kommunikation ab und 10,- DM für die EHV. Die damalige Kalkulation wurde akzeptiert und ist seitdem im Wesentlichen nicht verändert worden.
Die Vorteile der Arzt unterstützten zentralen Leitstelle und der einheitlichen Notrufnummer zeigten sich für Patienten, Rettungsdienst, Ärzte, Kliniken und Krankenkassen schnell und sind mehrfach auch in Studien beschrieben.
Es traten neben Qualitätsverbesserungen auch positive betriebswirtschaftliche Ergebnisse zu Tage: Jeder in dieses System investierte 1 € erbrachte 4 € an Einsparungen.
Zurzeit haben wir leider eine sehr emotionale Diskussion über ANR. Fakten werden ohne Hintergrundinformation veröffentlicht und irritieren z.T. erheblich. Der Hauptgrund hierfür liegt darin: Der Gedanke der Arzt unterstützten zentralen Leitstelle wird allgemein als sinnvoll und auch als zukunftsweisend für andere Regionen angesehen. ANR soll zu einem Element der Regelversorgung werden. Aktuell diskutieren Politik, Krankenkassen und KV über neuen Formen der Notfallversorgung und formulieren gemeinsame Absichtserklärungen (Letters of Intent). ANR ist hierdurch in den Streit über steigende Kosten geraten, die durch erhöhte Stundenpräsenz sowie einem Mehr an Technik wegen Kommunikations-, Kooperations- und Koordinationsverbesserung entstehen.
ANR wird zum Exempel für Innovation und muss diese Prüfung bestehen. ANR wird es bestehen können auch im Interesse aller Vertragsärzte, wenn die Ärzte in Hessen dies gemeinsam wollen.
Wird hingegen weiterhin neidvoll und mit Wut auf fürstlich hohe Gehälter im ANR gesehen (die eigentlich nur betriebswirtschaftlich kalkulierte Mindestlöhne sind) und Stimmung gegen Innovation gerührt, werden wir als Ärzte bei der Zukunftsgestaltung des Gesundheitssystems leider keine entscheidende Rolle mehr spielen können.
Dr. Gert Schmidt Hüttenberg
Für diejenigen, die den Leserbrief nicht kennen:
Gießener Allgemeine 02.12.2009 – LESERBRIEF
Arzt-Notruf Lahn-Dill
Wieso sollen wir die Kollegen mitfinanzieren?
Wir Kollegen aus Lollar und Staufenberg verfolgen mit Unverständnis und einer gewissen Wut die Darstellung der Probleme und die damit verbunden Lösungsvorschläge des Arzt-Notruf-Systems Lahn-Dill in den Medien. So erschien hier im Kreis ein Artikel »Arzt-Notruf Lahn-Dill (ANR) erhält eine neue Gnadenfrist« und in der Presse des Lahn-Dill-Kreis ist gar von einem »Rückfall in die Steinzeit« die Rede. Nun müssen wir übrigen Ärzte in Hessen doch annehmen, dass die Versorgung unserer Patienten im Notfall noch nach steinzeitlichen Methoden erfolgt, und dem ist sicherlich nicht so.
Der medizinisch fortschrittliche Modellcharakter des ANR soll hier dennoch nicht in Frage gestellt werden, allerdings muss die Kostenstruktur hinterfragt werden. Fakt ist doch, dass der ANR, der außerhalb der Sprechzeiten für 240 Ärzte im Lahn-Dill-Kreis die Versorgung der Patienten sicherstellt und den Kollegen eine sicher nicht unverdient ungestörte Freizeit verschafft, Jahr für Jahr 650 000 Euro kostet. Dieser Betrag wurde bisher von den Krankenkassen getragen, die sich nun (zu Recht?) weigern, diese Summe weiterhin zu finanzieren.
Alleine 400 000 Euro im Jahr kostet der nur außerhalb der Sprechzeiten tätige Arzt und die Kassen kritisieren zu Recht, dass hier on Top noch die Leistungsvergütung gezahlt wird, die bei der Behandlung der jeweiligen Patienten anfällt und die sich sicherlich über das Jahr ebenfalls in einem sechsstelligen Bereich bewegt. Eine wahrhaft nicht steinzeitliche, sondern eher fürstliche Entlohnung.
Nun soll die Kassenärztliche Vereinigung Hessen, also wir hessischen Ärzte, aus unserem Honorartopf die fehlenden 250 000 Euro finanzieren. Das kann wohl nicht wahr sein. Wir Ärzte in Lollar und Staufenberg versorgen unsere Patienten außerhalb der Sprechzeiten und das rund um die Uhr noch selbst, und das sicherlich hocheffektiv und für die Kassen ebenfalls sehr kostensparend. Die Unkosten für die Rufumleitung, gegebenenfalls eine Helferin oder die Ehefrau am Telefon, zahlen wir aus der eigenen Tasche. Von einer Unterstützung durch die Kassen über das dürftige Notfallhonorar hinaus können wir allenfalls träumen.
Andere Arztbezirke in Hessen haben sich zu Notdienstgemeinschaften zusammengeschlossen und lassen sich von nicht niedergelassenen Ärzten vertreten. Da die Kosten für Arzt, Telefonisten und Räumlichkeiten die Kasseneinnahmen, resultierend aus der Behandlung der Patienten, meist übersteigen, bezuschussen die Ärzte die Dienstgemeinschaft nicht selten mit mehr als 100 Euro pro Monat, natürlich aus der eigenen Tasche.
Warum sollen wir und all diese Kollegen nun noch zusätzlich den Freizeitanspruch der Kollegen im Lahn-Dill-Kreis mitfinanzieren? Nein danke, so kann das nicht funktionieren. Warum steuern die 240 beteiligten Ärzte die fehlenden etwa 1200 Euro im Jahr nicht aus der eigenen Tasche bei, so wie sonst in Hessen auch überall üblich? Wir werden uns in jedem Fall in den nächsten Tagen überlegen, ob wir unseren Unmut und unser Veto über die geplante Finanzierung auf unsere Kosten in einem Schreiben an die KV Hessen und das hessische Gesundheitsministerium kundtun.
Dr. med. Uwe Speier, Lollar
« Aktuell
Mitgliederbereich
Gesundheitstipps
Schutzimpfung gegen Folgen von Zeckenbissen
Die Krankenkassen tragen die Kosten für die Schutzimpfung.
[mehr]Rauchen fördert Alzheimer
Studie zeigt Zusammenhang
[mehr]Brandwunden immer steril abdecken
Eine Brandwunde hat man sich schnell eingehandelt: "Wenn es wehtut, ist es schon zu spät", weiß...
[mehr]» Weitere Tipps

